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Spiritualität richtig verstehen

Egal ob man ein Yogi ist oder nicht, jeder ist spirituell. Allein sich die Frage zu stellen: Was ist der Sinn in meinem Leben und was mache ich hier? Diese Fragen machen uns zu spirituellen Menschen. Und das ist natürlich als Mensch. Eine Antwort darauf zu finden. Jeder stellt sich diese Frage, doch jeder beantwortet seine Frage darin anders. Früher hatten wir noch viel stärker die Religion als Antwort. Früher haben wir uns auf etwas Übernatürliches konzentriert, dass uns eine Daseinsberechtigung und einen Sinn gab.

Wenn man heute die Frage in die Runde stellt: „Wer von euch ist religiös?“, antworten 8 aus 10 Personen, dass sie es nicht sind. Die Institution der Kirche ist gewichen. So wie ich sie erlebe, ist sie in zwei Extreme gewichen.

Das eine Extrem verkörpert mein altes Leben. Das Leben des Kapitalismus, in dem wir uns über Wissen, Status und Geld definieren. In dem unser Job-Titel und die Größe unserer Autos uns die Sicherheit geben, die wir brauchen. Die Daseinsberechtigung. Das Gefühl etwas für die Gesellschaft und die Wirtschaft zu tun. Das andere Extrem ist das Leben der Yogi. Die Überzeugung, dass wir alle eins sind und alle zusammengehören. Dass jede Materie auf der Welt gleich ist und gleich viel Wert hat. Dass Geld nur ein Mittel zum Zweck ist und uns kaputt macht. Dass wir mit uns selbst frei, glücklich und wertfrei sein können. Ich würde noch nicht einmal sagen, dass das mein neues Leben ist. Es ist meine neue Erkenntnis und ein neuer Teil von mir. Doch ich weiß nicht, wie ich sein werde, wenn ich nach Hause komme. Ob ich mich einem dieser Extreme angleichen werde oder ob ich meinen eigenen Weg gehen kann.


Meine Aufgabe ist es, diese beiden Welten nicht zu bewerten. Diese beiden Welten wahrzunehmen und meinen eigenen Weg zu gehen. Nicht das Neue besser zu sehen als das Alte. Und auch nicht das Neue als die ultimative Wahrheit zu sehen. Als Vision, wo ich hinkommen möchte. Nein, meine Aufgabe ist es, nicht in einem Extrem zu leben, sondern die Balance darin zu finden. Die Balance in dem System und in mir.

Unser Lehrer, Puhja, erzählte uns heute eine schöne Geschichte über Balance. Balance entsteht, wenn wir offen sind. Wenn wir neugierig sind. Wie ein Kind. Offen zu lernen, zu empfangen ohne zu bewerten. Danach zu entscheiden, was wir annehmen und was nicht. Doch nicht von vornherein Grenzen schaffen. Und so erzählte er uns die Geschichte des Mannes, der einen Zen Meister besuchte. Der Mann war so aufgeregt und wollte alles wissen, was der Zen Meister wusste. Er wollte lernen, wie es ist als Zen Meister zu leben. Also kam er zu dem Zen Meister. Er sagte: “Zen Meister, ich will von dir lernen. Gib mir all dein Wissen. Ich bin so gespannt.” Und der Zen Meister sagte: “Ok, aber vorher trinken wir einen Tee.”



Der Zen Meister bereitete eine Teezeremonie vor. Jeder der das mal gemacht hat, weiß, dass es einige Zeit dauern kann und nicht so ist, wie wir unseren Teebeutel einfach in das heiße Wasser im Glas werfen und daran schlürfen. Der Zen Meister kochte das Wasser auf. Er bereitete die Gläser vor. Er goss die erste Ladung über den Tee und spülte es wieder aus. Der Mann wurde ganz nervös und wollte endlich mit ihm reden. Doch die ganze Zeremonie wurde in Stille gehalten. Dann endlich stellte der Zen Meister das Glas vor den Mann und füllte Wasser ein. Das Glas wurde voller und voller und war voll. Doch der Zen Meister goss weiter. Der Mann wurde sauer, weil alles um ihn herum nass wurde und sagte: “Hey, was soll das?”. Der Zen Meister sagte: “Schau, genau das ist dein Kopf. Er ist bereits so voll. Du hast so viel Gedanken, Erwartungen, Bewertungen, dass ich dir gerade gar nichts geben kann. Du kannst gerade gar nichts aufnehmen. So wie dieses Glas. Es würde alles raus fließen. Du musst erst dein Glas leeren, um neues rein zu lassen.”

©2020 by Laura Weil 
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