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Perspektivwechsel: Schätze der Natur in der Stadt



Als meine Freundin, Lena, mir heute die Aufgabe gab, auf einem kleinen Spaziergang Ausschau nach schönen Dingen in der Natur zu halten, war mein erster Gedanke "Da muss ich erst mal in den Wald fahren." Als Teil eines Rituals bat mich Lena bewusst spazieren zu gehen und die Schönheit der Mutter Erde wahrzunehmen. Zu erkennen, was sie uns für Schätze jetzt im Herbst offenbart.


Da ich in Berlin Mitte lebe und schon seit längerem den Wunsch nach mehr Natur vor der Haustür hege, sah ich zunächst viel Aufwand in dieser Aufgabe. Ich dachte, ich müsse wenigstens in den Plänterwald oder gar raus zum Grunewald fahren, um in die schöne Stille der Natur abzutauchen. Weit weg von dem Stadtlärm aus Kindergärten, Laubbläser, Müllabfuhren und Autos. Doch dafür hatte ich heute Morgen keine Zeit.


Also wagte ich den Weg raus aus meiner Haustür in den kleinen angelegten Park, den ich bereits nach ein paar Minuten durchquert hatte. Ich war erpicht darauf, direkt einen Schatz der Natur zu entdecken. Vielleicht eine schöne Kastanie oder ein besonders gefärbtes Blatt. Doch außer benutzten Taschentüchern, Plastikflaschen und zerknüllten Kinderriegel Packungen fand ich nichts am Boden des kleinen Stadtparks in Luisenstadt. Also ging ich weiter die Straße entlang, fast schon gefangen in meinen immer wiederkehrenden Gedanken, dass die Stadt dreckig und laut sei und die Natur hier keine Chance hätte Schätze zu offenbaren. Nachdem ich den Park durchquert hatte, blieben mir nur noch die Bäume und Sträucher an den Gehwägen und kleine Baumformationen in kleinen Grünanlagen.

Ich entschied, meine Perspektive einmal zu wechseln und nicht nur auf den Boden zu schauen.

Dann, als ich mal nach oben in die Baumkronen blickte, ergab sich ein ganz anderes Bild. Ich sah, wie die einzelnen Bäume unterschiedliche Baumkronen trugen. Wie sie ganz unterschiedliche nackig vom Herbstabfall der Blätter waren. Ich sah keinen Müll mehr. Ich richtete meine Perspektive so hoch, dass ich keine Wohnhäuser mehr sah und auch keine Laubbläser neben mir wahrnahm.

Ich war begeistert, wie schnell ich meinen Fokus doch ändern konnte und nahm auf einmal die Schönheit der einzelnen Bäume und Blätter wahr.


Ich sah einen so schönen Baum, ohne mich in Baumkunde auszukennen und ihn benennen zu können. Einen Baum, der neben den Kastanienbäumen mit ihren markanten, harten, starken Blättern, ganz weiche Blätter trug. Mit einer frischen apricot-roten Farbe und hauchdünnen Blättern. Wie er neben dem gefestigten Kastanienbaum, der mit jedem Windzug eine Reihe an Blättern gehen lies, noch fast alle seiner Blätter trug. Für einen kurzen Moment blieb ich stehen und genoß diese kleinen Schätze der Natur. Diese Diversität der Bäume und Blätter und die Energie, die sie bis in ihre Baumkronen ausstrahlten. Wie hochgewachsen sie waren und wie stark ihr Baumstamm war. Sie wuchsen hoch über den Müll und Lärm der Stadt hinaus und gaben dem viel befahrenen und lauten Gehweg eine so schöne Umrahmung.

Ich musste einfach nur vor die Tür gehen und meine Perspektive wechseln.

Auch wenn dieser Perspektivwechsel meinen Wunsch in die Natur zu ziehen nicht verändert, war dieser Perspektivwechsel heute morgen eine erfrischende und erholende Erfahrung, dass ich auch vor meiner Haustür und auch ohne im Naturparadies jetzt sofort leben zu können, diese Schönheit im Kleinen entdecken kann.

©2020 by Laura Weil 
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