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Ist es Berlin oder bin ich das?



Ich habe mich auch gefragt, ob das Berlin ist. Ob Berlin die Stadt der Suchenden ist und mich in ihren Bann gezogen hat. In ihre Blase der ständig Unzufriedenen? Ursprünglich komme ich aus einem beschaulichen Ort in Hessen, mittlerweile aber bin ich Wahl-Berlinerin. Inzwischen ist Berlin schon mehr meine Heimat als mein Geburtsort. Es mag den Anschein haben, dass Berlin zuhauf Menschen anzieht, die ihre Heimatorte verlassen, um auf die Suche zu gehen - junge Frauen und Männer, die sowohl auf der Suche nach sich selbst sind als auch auf der Suche nach anderen Menschen, die ebenso auf der Suche sind. Oder eben diese ganzen Start-up Hansel, die Berlin die Bude einrennen, auf der Suche nach Geld und Ideen. In den Jahren, in denen ich hier lebe, hat sich eines gezeigt: Diese Stadt kommt nie an. Sie ist ständig in Bewegung, ständig auf der Suche.

Das drückt sich zum einen durch das Stadtbild aus, das sich konstant verändert. An so vielen Ecken werden neue Gebäude gebaut, überall sieht man Baustellen und wo gestern noch ein nettes Café war, ist heute ein fancy Co-Working Space.


Doch auch in den Menschen, die man hier trifft, sieht man eine ständige Veränderung. Viele wechseln Jobs im Jahres-Takt, und von Beziehungen will ich gar nicht erst reden. Einige Freunde von mir durchleben immer das gleiche Muster. Sie beginnen einen neuen Job und sind drei Monate super glücklich. Sie freuen sich über die neuen Kollegen, die neuen Herausforderungen, und der neue Chef ist ja so viel cooler als der alte. Doch fast immer nach diesen drei Monaten beginnen sie wieder alles in Frage zu stellen. Lernen die politischen Spielchen und Muster der neuen Firma kennen und finden die Macken des neuen Chefs auch langsam wieder nervig. Und so beginnt erneut die innerliche Kündigung und die Suche nach einem neuen Kick. Nach etwas Neuem. Die wenigsten machen das bewusst. Sie wollen nur so unbedingt etwas finden, das perfekt passt. Der Job, der auch wirklich die Berufung ist. Den, bei dem man ankommen kann und mit Leidenschaft etwas bewegt. Doch so ganz passt da immer wieder etwas nicht. Und durch die vielen Möglichkeiten in immer wieder neu aufpoppenden Start-ups und Digital Hubs, haben gut ausgebildete junge Leute die Möglichkeit, ihren Job schnell immer wieder zu wechseln. Angetrieben von dem Ideal und der Illusion, dass man jeden Tag besser wird und somit zu einer „besseren Version“ seiner selbst wird, suchen wir immer und immer weiter.


Ohne sich und anderen im Job die Chance zu geben, dass sich langfristig etwas entwickeln kann. Ohne auch mal durch die Täler der Tränen zu gehen, um dann auch wieder die guten Seiten wertzuschätzen. Wir sind in der Gefahr, eine Wegwerf-Generation zu werden. Denn es gibt so viel Neues, warum sich mit dem alten zufriedengeben? Wollen wir nicht alles? Doch wie fühlt sich dieses „alles“ überhaupt an? Sind wir nicht sowieso darauf konditioniert immer eher das Negative wahrzunehmen als das Positive?

©2019 by Laura Weil

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